Best Practice Beispiel

Bürokaufmann zur Unterstützung der Geschäftsführung

Bürokaufmann mit Lernschwierigkeiten unterstützt kompetent die Assistenz der Geschäftsführung

Kurze anonyme Beschreibung der MitarbeiterIn mit Behinderung:

Herr C.O. besuchte auf Grund seiner starken körperlichen Beeinträchtigungen und seiner Lernschwierigkeiten eine Sonderschule und anschließend eine Berufsvorbereitung für Menschen mit Behinderungen. 2012 begann er bei innovia die Teilqualifizierung als Bürokaufmann, trat auf die Verlängerte Lehre über und machte im Juli 2016 seine Lehrabschlussprüfung. Umfangreiche technische Hilfsmittel und Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz ermöglichten ihm diesen Berufsweg. Im August wird er bei innovia als Bürokraft angestellt. Seit Jänner 2016 arbeitet er engagiert im Geschäftsführungsteam mit und übernimmt dort eigenverantwortlich Themenfelder.

 

Firmenbeschreibung:

innovia – Service und Beratung zur Chancengleichheit ist eine gemeinnützige GmbH mit dem Sitz in Innsbruck. Das soziale Unternehmen mit derzeit 23 Mitarbeitenden setzt seit 2007 Angebote zur beruflichen Orientierung und Qualifizierung für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderung, für Jugendliche und für Menschen mit Fluchthintergrund in Form von Projekten um. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die Bildungs- und Berufsberatung. Die innovia Akademie versucht in Kooperation mit allgemeinen BildungsanbieterInnen zugängliche barrierefreie Bildung für alle Menschen zu ermöglichen. Mit „capito" bietet innovia Kompetenzen zur Gestaltung von barrierefreien Informationen.
FördergeberInnen sind hier vor allem das Sozialministeriumservice, jedoch je nach Projekt auch das Land Tirol, andere Ministerien und der Europäische Sozialfonds. Es ist ein spezielles Prinzip von innovia, alle Dienstleistungen mit qualifizierten Peer-TrainerInnen bzw. Peer-UnterstützerInnen umzusetzen bzw. bevorzugt ArbeitnehmerInnen aus dem Kreis der begünstigt behinderten ArbeitnehmerInnen oder Personen mit Migrations- bzw. Fluchterfahrung zu beschäftigen. Derzeit haben von den 23 angestellten MitarbeiterInnen sieben Personen eine Beeinträchtigung und 2 einen Migrationshintergrund.


Arbeitsplatzbeschreibung:

Während seiner vier Lehrjahre wurde Herr C.O. zu einer wichtigen Unterstützung der Geschäftsführungsassistenz, der ProjektleiterInnen und der beiden GeschäftsführerInnen. Er übernimmt viele Aufgaben der Verwaltung bereits in Eigenverantwortung und unterstützt vor allem bei den Zusammenstellungen der umfangreichen Projektabrechnungen. Für die innovia Akademie hat er sich mit der Software „InDesign" einen Kompetenzbereich erarbeitet, den er nun als einziger ausfüllen kann. Ebenso sind die Bereiche Homepagebefüllung, die Aussendung des Newsletters und Ähnliches bereit jetzt zu seinen Verantwortungsbereichen geworden.


Was waren die entscheidenden Beweggründe einen Menschen mit Behinderung einzustellen?

Für innovia gehörte es bereits zur Gründungsphilosophie und ist im Leitbild verankert, alle Dienstleistungen mit MitarbeiterInnen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen oder mit Flucht- bzw. Migrationserfahrung umzusetzen. So können Mitarbeitende auf allen Kompetenzebenen einerseits als Vorbild wirken, wenn wir Beratungs-, Orientierungs- oder Qualifizierungsangebote für Menschen mit Behinderungen stellen. Es ermöglicht uns andererseits, den Blickwinkel unserer KundInnen auch über die Peer-Erfahrung in Konzept und Umsetzung der Projekte miteinzubeziehen.
Für das Aufgabenfeld „Beratung von Unternehmen zum Thema Arbeit und Behinderung" können wir auf viele verschiedene Umsetzungsbeispiele im eigenen Unternehmen zurückgreifen bzw. diese langjährigen Erfahrungen auch unseren KundInnen zur Verfügung stellen.
Vor allem jedoch gehört es zu unserer Vision, dass Ausbildung, Qualifizierung und Rekrutierung von allen Dienstleistungen der Behindertenhilfe irgendwann so weit ist, dass alle Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen, die in diesen Feldern arbeiten möchten, als Kolleginnen und Kollegen sehr gefragt sein werden. Dazu setzen wir mit der innovia Akademie auch seit 2016 einen Lehrgang zur Qualifizierung als Peer-BeraterInnen um, da nicht für alle eine umfangreiche sozialpädagogische Ausbildung möglich und sinnvoll ist.


Wie gelang der Rekrutierungsprozess? Vermittlung durch AMS oder Sonstige?

Hier stellt das Netzwerk, in welches innovia eingebunden ist, die zielführendste Rekrutierungsform dar. Wie bei allen Unternehmen, die speziell Stellensuchende mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen ansprechen möchten, nutzen wir auch den Job-Fit, Berater für Unternehmen, der die Stellen in diesem Netzwerk bewirbt. Alle Stellen werden auf http://www.innovia.at/neu/ , dem AMS und in der Tiroler Tageszeitung ausgeschrieben und mit dem Zusatz versehen, dass wir uns speziell über eine Bewerbung von Arbeitsuchenden mit Lernschwierigkeiten oder einer Behinderung freuen.


Welche begünstigenden oder hinderlichen Faktoren gab es beim Arbeitsbeginn?

Wir konnten von Anfang an auf die Unterstützung von Arbeitsassistenzeinrichtungen, auf Technische Assistenz und auf Beratung und Förderung zur Abgeltung eventueller Minderleistungen durch das Sozialministeriumservice zurück greifen. Dadurch wurde der Arbeitsbeginn sehr erleichtert.

 

Wenn es Stolpersteine gab, wie wurden diese beseitigt?

Stolpersteine stellen bei innovia vor allem die immer wieder neuen Arbeitsaufgaben durch die veränderten oder neuen Projekte dar. Das betrifft alle MitarbeiterInnen, jedoch MitarbeiterInnen mit adaptierten Arbeitsplätzen besonders. Diese Arbeitsplatzgestaltung kann also nicht nur zu Beginn erfolgen, sondern muss auch bei Änderungen wieder durchgeführt werden. Dies ist jedoch durch die immer wieder mögliche Heranziehung von Technischer Assistenz oder den Unterstützungseinrichtungen der Arbeitsassistenz möglich.


Waren spezielle Ausbildungsmaßnahmen erforderlich?

Da vor allem die Ko-TrainerInnen keine sozialpädagogische Ausbildung absolviert haben bzw. nicht zugelassen wurden, hat innovia diese selbst ausgebildet. Dies erfolgte in einem dafür genehmigten Projekt für acht Personen, die auch für die Mitarbeit in anderen Dienstleistungsorganisationen zur „Fachkraft für Chancengleichheit und Barrierefreiheit" qualifiziert wurden.


Wurden externe Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch genommen und wenn ja, welche?


- Technische Hilfen des Vereins Arbeitsassistenz Tirol
- Technische Hilfen des Tiroler Blinden- und Sehbehindertenverbandes
- Berufsausbildungsassistenz des Vereins Arbeitsassistenz Tirol
- Arbeitsassistenz des Vereins Arbeitsassistenz Tirol
- Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz des Vereins SLI

 

Was hat letztendlich dazu beigetragen, dass Herr/Frau X nach wie vor in Ihrem Unternehmen tätig ist?

Es waren die KollegInnen selbst, die zu einem kooperativen, engagierten, flexiblen, sozial-kompetenten und sorgfältig arbeitenden Teammitglied wurden und unser Gesamtteam bereichern.

 

Was würden Sie als UnternehmerIn, anderen Unternehmen an Lernerfahrungen/Empfehlungen mitgeben?

Nutzen Sie die Chance, die Ihnen eine Bewerbung ihrer offenen Stellen bei Arbeitsuchenden mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen bietet, neue interessante Fachkräfte zu finden! Geben Sie Ihrem Team die Möglichkeit, neue Kooperationserfahrungen zu machen! Geben Sie sich allen einen Raum für Entwicklungserfahrungen, die den Arbeitsplatz menschlicher, kompetenter und bereichernder machen!
Vor allem möchten wir allen Dienstleistungsorganisationen der Behindertenhilfe die Anstellung von Teammitgliedern mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen als besonders produktive Kompetenz ans Herz legen, auch wenn diese BewerberInnen oft (noch) keine sozialpädagogische Ausbildung haben. Qualifizieren Sie sich Ihre MitarbeiterInnen selbst! Suchen Sie Wege und Lösungen und keine Begründungen für Ablehnungen auf Grund mangelnder formaler Kompetenzen!